AKtion April 2021

2 Meinung 

April 2021

LEITARTIKEL Wer zahlt dieUnternehmerhilfen? Die Frage, wer denndieMilliardenanStaatsschulden, die vonder Repu- blik fürUnternehmerhilfenwegender Covid-19-Pandemie aufgenom- menwerdenmussten, jemals zurückzahlenwird, ist offen. Logischwäre, dass jene ihren Teil beisteuern, denen damit durch die Krise geholfen werdenmusste, weil sie keine eigeneKrisenvorsorgeinstrumentehatten. Was aber logisch ist, muss noch lange nicht politischdurchsetzbar sein. Das dürfte auch für einenVorschlag des renommierten französischen ÖkonomenGabriel Zucman und seinesMitautors Emmanuel Saez gelten. Sie wollen, dass der seit Jahren anhaltende Trend zur ,, Wer vom Staat kassiert hat, soll seinen Beitrag zur Finanzierung leisten. Rainer Keckeis Direktor der AK Vorarlberg Senkungder BesteuerungderUnternehmen einEnde findet. Sie for- dern eine jährlicheBesteuerungdes Kapitalwerts vonbörsennotierten Unternehmen inHöhe von0,2Prozent. Die betroffenenUnternehmen müssten indiesemWert frischeAktienandenStaat übergeben, die er inder Folge amKapitalmarkt zuGeldmachenkann. DieAutorengehen vonEinnahmen indenG20-Staaten von rund 180MilliardenEuro aus, die auf die beteiligtenLänder verteiltwerden, umSchulden zu zahlen oder Klimaschutzmaßnahmen zu finanzieren. Das Problemmit den großenUnternehmen, die nicht an einer Börse notiert sind, müsstendie Länder nach eigenemErmessen regeln. Sonachvollziehbar dieser Vor- schlag klingt, sowenig realistisch ist seineUmsetzung. Dazubräuchte es Politiker, die auchdenMut haben, etwas gegendie Interessen jener zu tun, anderenTisch sie so gerne sitzen.Was aber ist dieAlternative? Sowie bisher dieHauptlast auf dieKonsumentenundArbeitnehmer überwälzenund tatenlos zusehen, wie daswährendder Coronakrise noch reicher gewordeneGroßkapital wegendesUnvermögens der Poli- tikunbehelligt bleibt? Letztereswird eswohl werden, denndie großen Vermögen zeigen selbst schon iminternational gesehen völligunbedeu- tendenÖsterreich, dass es sichdurchaus rentiert, sich seine politischen Wünsche einfach zukaufen.

Vorwiegend weibliche, zum Teil barfüßige Belegschaft der Weberei Furtenbach (vormals Vallaster- Leibinger) in den 1920er-Jahren. Als Arbeiter sich ihre AK schufen

VOR 100 JAHREN. Die goldenen Zwanzigerjahre in Vorarlberg – Charleston, Schampus, Federboa? Nein, aber ein Kilo Butter gab’s für 62.000 Kronen amFeldkircherWo- chenmarkt. Und Lebensmittelkar- ten. Und Sozialgesetze, die aller- ersten übrigens. Denn nichts wird mehr so sein, wie es war, nachdem die werktätigen Frauen und Män- ner ein neues Selbstbewusstsein entwickelt haben. Es gipfelt in ei- ner Premiere: Am 23. und 24. April

Gleichzeitig aber tobten Kämpfe zwischen Bauern und Arbeitern. Es ging ums nackte Überleben. Der Erste Weltkrieg hatte Vor- arlberg an die 5000 Gefallene be- schert. Das ganze Land hungerte. Konsumierte ein Österreicher vor Kriegsbeginn 1914 im Schnitt noch 145 Kilogramm Mehl pro Jahr, so standen ihm 1917/18 nur mehr 65 Kilogramm zur Verfügung. Der Ernteertrag von 1919 hatte sich im Vergleich zu 1913 in etwa hal-

se erzielen. „Bis zum Sommer 1921 durften selbst die Grenzgänger nur eine Jause für den eigenen Bedarf mit in die Schweiz nehmen, damit sie nur ja nicht Butter oder Milch drüben verkauften.“ Das alles hört laut Pichler 1921 auf. Im Frühjahr beginnt das Land aufzuatmen. Aber es wird eine holprige Auf- erstehung. Arbeit gab es Die Voraussetzungen waren gar nicht schlecht. „Vorarlbergs Indus- trie war im Krieg nicht beschädigt, praktisch nichts auf Kriegswirt- schaft umgestellt worden“, erzählt Pichler. „Zudem hatten viele Vor- arlberger Unternehmer in den gu- ten Konjunkturjahren Geld in die Schweiz geschafft.“ Das kam ihnen nun zugute. „Sie konnten Rohwa- renmit Franken bezahlen.“ Die Fol- ge: „Im Spinnereiwesen erreichten Vorarlbergs Betriebe bereits 1923 wieder den Stand der Vorkriegs- zeit.“ Das war die gute Seite. Ab Herbst Inflation Doch im Herbst 1921 schlägt die Hyperinflation zu. In nur einem

,, Das Bewusstsein, dass die Arbeiter

▸ E-Mail: direktion@ak-vorarlberg.at

GASTKOMMENTAR

eine Hilfe kriegen sollten, war bei vielen nicht vorhanden. Dr. Meinrad Pichler Historiker

VomWert der Kultur Vorweg: Das Poolbar Festival wird großartig. Ohne die langjährige Co-Finanzierung (ca. 20 Prozent) durch die öffentliche Hand wäre das undenkbar, und ich bin sehr dankbar, dass es diese respektvollen Partnerschaften gibt. Bei zahlreichen Kulturschaffenden greifen die Corona-Förderungen gut. Umsatzeinbußen können ersetzt, ,, Kultur ist für eine offene und leis- tungsstarke Gesellschaft von un- schätzbaremWert. Herwig Bauer Geschäftsführer Poolbar Festival Arbeitsplätze erhalten werden. Bei anderen wiederum zeigt die Pandemie auf, dass vielfach keine Reserven vorhanden sind. Und nach der Pandemie? Aktuell heißt die Perspektive für viele Kultur- schaffende: Leben imPrekariat. In einem offenen Brief haben über 90 Vorarlberger Kulturschaffende nicht Corona-Gelder für die Kultur eingefordert, sondernWertschätzung, undWertschätzung äußert sich auch in fairer Bezahlung. Um in der Kulturbranche faire Löhne zahlen zu können, reichen jedoch oft die Förderungen nicht. Viele in der Kulturbranche arbeiten hart, arbeiten lang, stehen unter Druck, tragen Verantwortung. Wie kannman ihnen erklären, dass es dafür keinen angemessenen Lohn gibt?Weil sie es eh gerne machen? Und: Wer erklärt es ihren Kindern? „Kultur“ ermöglicht wertvolle Begeg- nungen. Die bedeutendere Funktion der Kultur aber ist es, Austausch zu ermöglichen, Emotionen zu wecken, den Diskurs anzuheizen, Systemfehler anzuprangern, kritisches Denken zu forcieren, Pers- pektivwechsel zu ermöglichen, Visionen in den Raum zu stellen, ein Ausbrechen aus erstarrten Existenzen anzuzünden – zu inspirieren. Diese Leistung der Kultur ist – speziell für einen „chancenreichsten Ort für Kinder“ – für eine offene und leistungsstarke Gesellschaft von unschätzbaremWert. Auch deshalb sollten jene, die die Kultur schaf- fen, fair entlohnt werden. Wo das der freie Markt nicht schafft, muss es die öffentliche Handmachen. Nicht zumWohl Einzelner, sondern zumWohl der Gesellschaft.

1921 sind Vorarlbergs Arbeiterin- nen, Arbeiter und Angestellte zum ersten Mal aufgerufen, ihre eigene Arbeiterkammer zu wählen. Kampf um Lebensmittel Der Bregenzer Historiker Meinrad Pichler schildert 1921 als ein „Jahr der wirtschaftlichen Stabilisierung“.

biert. Erste Sozialgesetze, etwa die Arbeitslosenunterstützung für In- dustriearbeiter und Angestellte, versuchten die ärgste Not abzu- federn. Lebensmittelkarten si- cherten mehr schlecht als recht das Überleben. Die Bauern aber wollten endlich wieder am freien Markt verkaufen und höhere Prei-

Ein Blick ins Konsumgeschäft in Dornbirn Oberdorf um 1920. Allein zwischen 1890 und 1910 erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten in Handel und Verkehr von rund 3500 auf über 5500.

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