AKtion Oktober 2021

2 Meinung und Politik 

Oktober 2021

„Weil das mein Leben so viel reicher macht“ Die Debatte um die Pflege wird beherrscht vom Personalmangel, langen Diensten, Überforderung. Dabei wird gern übersehen, wie beglückend ein Engagement im Pflegebereich sein kann. Wir haben drei Menschen besucht, die ihren Beruf gewechselt haben und das nicht bereuen: eine ehemalige Lkw-Fahrerin, eine Kellnerin und einen Elektromechaniker. Die AK Vorarlberg steht 166.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeit- nehmern kompetent und zuverlässig mit Rat und Tat zur Seite. Fast 100.000 Mal erhielten AK-Mitglieder 2020 kostenlos arbeitsrecht- liche, steuerrechtliche und sozialrechtliche Beratung. 9,8 Millionen Euro mehr für Vorarlbergs Arbeitnehmer sind die un- mittelbare Folge einer Intervention der AK Vorarlberg im Arbeits- und Das hat die AK Vorarlberg

LEITARTIKEL „Weginflationieren“

Die Corona-Pandemie hat die Staatsschuldenordentlich indieHöhe ge- trieben. Schulden statt PleitenundArbeitslosewar und ist dieDevise. Österreichs Staatsschuldenbetragenmittlerweile 334,7Milliarden Euro oder 86,2Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP).Wie aber werdendie Schuldenbergewieder abgetragen?Glaubtmander Chef- ökonominderWeltbank, CarmenReichart, werdendie fiskalischen Aufräumarbeitenbald schonüber dieBühne gehen. Reichart geht davonaus, dass die Staatendabei dieQualität der Leistungen inden Sozialsystemenherunterfahrenbzw. auchSteuern erhöhenwerden. ,, Es drohen ausgedünnte Sozialleis- tungen, Steuererhöhungen und eine dauerhaft erhöhte Inflation. Rainer Keckeis Direktor der AK Vorarlberg ZumZauberwort des Schuldenabbaus könnte aber eine andere, subti- lereMaßnahmewerden: „Weginflationieren“. ImKlartext: Die Staaten werden versuchen, die Schuldendurch eine dauerhaft höhere Inflation zu senken. Das ist politisch einfacher undweniger transparent, denn niemandwirddas explizit präsentieren. Laut Reichartwird keine Regierung sagen, unsere Strategie besteht darin, die Schuldenwegzu- inflationieren. Und trotzdemwerde es so passieren. Für dieBevölkerungwirddas durchaus schmerzhaft – vor allemfür Sparer, derenVermögen ebenfalls der schleichendenErosiondurch In- flationausgesetzt ist. DieseAussichtenwerdenaber auch einanderes Problemmassiv befeuern–nämlichdas ThemaWohnen. DennVermö- gendewerden ihrGeldnochmehr in Immobilienanlegen. Unddaswird die Preise fürGrundstücke undWohnungen, aber auchdieMietennoch weiter indieHöhe treiben.Wenndie Politikhier nicht raschMaßnah- men setzt, die greifen, undWohnen für dieMenschen leistbar bleibt/ wird, dann fliegt uns das ThemabaldgewaltigumdieOhren.

▸ E-Mail: direktion@ak-vorarlberg.at

Zahlen lügen nicht. ÖGK-Landesstellenleiter Manfred Brunner weiß das. „In Vorarlberg steigt die Zahl der über 80-Jährigen bis 2025 um 19,3 Prozent auf 23.300 Menschen an. Das Land hat das errechnet.“ Die Ge- sundheit Österreich GmbH (GÖG) sieht den Bedarf an Hauskrankenpflege und Pflegeheimplätzen in Vorarl- berg bis 2030 um 49 Prozent ansteigen. Die Kranken- hausaufenthalte werden in diesem Zeitraum um 19 Prozent wachsen. All dies hat zur Folge, dass uns in Vorarlberg 2028 rund 400 Pflegekräfte fehlen werden.

Die GÖG-Pflegepersonal-Prognose rät für Vorarl- berg, insbesondere die Anzahl der Ausbildungsplätze für Pflegefachassistenz zu erhöhen. Gerade hier ortet die GÖG „eine klare Unterdeckung“. Die „connexia Implacementstiftung Betreuung und Pflege“, die Land und AMS initiiert haben, zeigt deutlich, dass es viele Menschen gibt, die aus anderen Berufen wechseln würden. Wir haben drei besucht, die diesen neuen Weg ein- geschlagen haben.

GASTKOMMENTAR Gefahr und Gelegenheit zugleich Das Wort Krise setzt sich imChinesischen aus zwei Schriftzeichen zusammen – das eine bedeutet Gefahr und das andere Gelegenheit (J. F. Kennedy). Krise ist derzeit überall. Es ist schwer auszuhalten. Vor den Krisen zu fliehen und unterzutauchen ist unmöglich. Sie fin- den uns überall. Das Gefühl der Ohnmacht und Unsicherheit macht sich breit. Es färbt alle unsere Lebensbereiche ein. ,, Menschen, die eine berufliche Doch jede Krise birgt auch Gelegenheiten in sich. Zugegeben: harte Arbeit – das Schürfen nach den Gelegenheiten – in einer Wahr- nehmung, die getrübt ist von Unsicherheit und Angst. Aber es lohnt sich, den Blick auf diese Seite zu richten. Das richtet auf, schenkt Zuversicht und macht handlungsfähig. Es treibt an, über Dinge nachzudenken, die bisher wenig Aufmerksamkeit bekommen haben. Es setzt Kräfte frei, sich zu verändern, sich neu zu orientieren. So denken gerade viele Menschen über eine berufliche Neuorientie- rung nach. Eine sinnstiftende Arbeit im Pflegebereich gewinnt an Attraktivität. Bei allen Herausforderungen in diesemBereich sind Arbeitsplatzsicherheit und ein breites Betätigungsfeld garantiert. Die aktuellen Zahlen deuten auf ein gestiegenes Interesse an Betreuungs- und Pflegeberufen hin. Die Anmeldungen in den Aus- bildungsstätten übersteigen derzeit die zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätze. Diese Gelegenheit, Pflegefachkräfte zu gewinnen, erfordert eine hohe Flexibilität in der Ausbildungslandschaft. Menschen, die eine berufliche Neuorientierung wagen, brauchen gute Begleitung und rasch entsprechende Ausbildungsangebote. So trauen sie es sich zu, erste unsichere Schritte in eine neue Zukunft zu setzen. Wir können es uns nicht leisten, diese Gelegenheit vorbeiziehen zu lassen! ▸ Info: Die Implacementstiftung Betreuung und Pflege steht Mensche n, dieQualifizierung imBetreuungs- und Pflegebereich suchen, beratend zur Seite. www.vcare.at Neuorientierung wagen, brauchen gute Begleitung. Reingard Feßler Leitung connexia Implacementstiftung

Eigentlich hätte Jürgen Türtschers Leben ganz anders verlaufen sollen. Der 39-jährige Damülser hat sich zum Elektromechaniker und Maschinenbauer ausbilden lassen, und das aus gutem Grund: Der Älteste von vier Geschwistern sollte dereinst einmal den väterlichen Betrieb leiten. „Ich war schon Teil der Geschäfts- führung.“ Aber amTag der Übernahmemachte er einen Rück- zieher. „Ich hab gesehen, was es bedeutet, Chef zu sein.“ Seine Mitarbeiter waren ihm viel mehr Freunde als Arbeitnehmer. „Wie hätte ich da die nötige Härte aufbringen sollen?“ Der ehemalige Rotkreuz-Zivildiener und jahrelange Freiwil- lige – auch bei der Bergrettung – fand sein neues Betätigungsfeld imKrankenhaus. Heute leitet er ein Pflegeteam in der Abteilung für innere Medizin im Landeskrankenhaus Hohenems. Die Team- arbeit beruht auf Vertrauen. „Wir müssen immer darauf vertrauen, dass niemand fehlt.“ Vertrauen in die eigene Urteilskraft, denn ab dem Zeitpunkt der Dienstübergabe „trage ich Verantwortung für die Patienten, für die ich zuständig bin“. Ein deutliches Mehr an Lebensqualität schenken ihm klar geregelte Arbeitszeiten. Den Weg der Ausbildung hat Türtscher als „Riesenherausforderung“ im Gedächtnis. Und lernbereit muss er bleiben, „denn wir müssen immer auf dem letzten Stand sein“. Wann empfindet der verheiratete Vater von Zwillingen am JÜRGEN TÜRTSCHER (39), GELERNTER ELEKTROINSTALLATEUR

meisten Befriedigung in seiner Arbeit? „Wenn wir gemeinsam im Team dem Patienten das Best- mögliche zukommen lassen.“ Die väterliche Firma haben inzwischen die Mitarbeiter als Gesellschaft übernommen. Auch als Team.

Powered by